Klatsch und Tratsch

/ Oktober 9, 2021/ Neues aus dem Meeting

Ein Thema des gestrigen Meetings tauchte in vielen Wortbeiträgen. Prinzipiell wissen wir, dass es kein schönes Verhalten ist, eine “Tratsch Tante” wird nicht ernstgenommen, sie gilt als nicht vertrauenswürdig. Und doch passiert es ständig und überall: das Reden über Andere.

Kann es sein, dass Klatsch und Tratsch eine, offensichtlich, wichtige Funktion haben? Wenn es dem so wäre, welche Funktion, welchen Sinn findest Du? Hast Du selbst schon getratscht? Warum? was hat es Dir gebracht?

Auf einmal bekam das Thema einen Tiefgang.
Man kann eine Beziehung knüpfen, in dem man über Dritte redet – es werden Geschichten ausgetauscht, Beobachtungen und Interpretationen weitergegeben, es wird bewertet. “Man tauscht sich doch nur aus” – wirklich?
“ich hatte das Gefühl, dass ich dabei eine positive Beziehung zu einer neuen Nachbarin bekomme, vielleicht sogar eine “Verbündete” in ihr bekomme. Gleichzeitig glaubte ich über sie etwas in Erfahrung zu bringen, was sie mag, was nicht – um mich so anpassen zu können. Heute, nach Jahren, sehe ich, dass ich keine Freundin gewonnen habe, dass ich ihr misstraue – über mich wird sie genauso tratschen, und dass ich zum dem Dritten immer noch voreingenommen bin. Also anstatt, dass sich das Gefühl bestärkt hat, dazu zu gehören, bin ich mehr in Distanz gegangen”

Könnte es sein, dass der Tratsch manchmal die einzige Basis für einen Kontakt ist? Dass diese Menschen sonst keine andere Verbindung aufbauen? Dass die Sache selbst, eine vertrauensvolle Vertiefung des Kontaktes verhindert? Ein echtes Kennenlernen deutlich erschwert wird?

Was ist, wenn wir zum Tratschobjekt werden? Während der Eine sagt: “ist mir egal, was Andere über mich sagen”, kann es in einem coabhägigen Gemüt ein Sturm an Gefühlen und Gedanken auslösen “mögen sie mich? was soll ich tun, damit sie Gutes über mich zu erzählen haben? hätte ich mich anders verhalten sollen, damit sie mich positiv bewerten? wie will ich überhaupt wirken? wen sehen sie in mir?

Zack! sind wir wieder drin in der klaren Coabhängigkeit und wieder mal einen Schritt weiter von uns selbst entfernt. Die Frage “wer bin ich?” rutscht in den Hintergrund. Manche von uns definieren sich über die Meinung Anderer und eilen dabei Selbstbildern nach, die für die Anderen konstruiert sind. Manche von uns, heizen den Tratsch an, denn schlussendlich bringt er Aufmerksamkeit mit. Wenn wir wissen, was andere über uns denken, was sie stört, was sie von uns erwarten oder wollen – so können wir gezielte Handlungen ausführen, damit unsere Existenz – weiter von Anderen bestimmt wird.

Ja, wenn wir wissen. Wenn wir aber nur ahnen, aber nicht wissen – wollen wir es nicht irgendwann wissen? Und zwar so sehr, dass wir dann Andere ausfragen, oder lauschen oder gar “spionieren”? Eine Vermutung: ein Lauschangriff bringt überwiegend Verletzung mit sich, also eine Selbstverletzung für den Lauscher. Gut getroffen?

Es wird bald zum Dilemma:
Tratschen macht wichtig, ist ein Kleber für Zusammenhalt und Abgrenzung von Gruppen, schafft Bindungen.
Kein Tratschen scheint der Gleichgültigkeit und Unsichtbarkeit gleich zu sein.
Tratschen scheint Existenzen zu formen, Positionen und Rollen in der Gemeinschaft zu bestimmen.
Kein Tratschen lässt einen Raum für Authentizität frei.

Mag sein, dass wir in unserem aktuellen Umfeld mit Klatsch und Tratsch irgendwie weiter kommen.
Im Meeting lernen wir, dass es auch ohne das Reden über Dritte funktioniert, dass mit der Beachtung der 12. Tradition (Anonymität ist die spirituelle Grundlage aller unserer Traditionen; sie erinnert uns immer daran, Prinzipien über Persönlichkeiten zu stellen.) eine Verbundenheit wächst, welche uns auf dem Genesungweg begleitet.

Gute 24 Stunden
Kommt wieder, es funktionier!
Isabella