Kritik und Hoffnung, wann werden Freunde zu Gegnern

/ April 17, 2021/ Neues aus dem Meeting

(Impressionen zur Gruppensprecherversammlung 2021 von CoDA Deutschland)

Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Titel bereits Bilder im Kopf entstehen lässt und je nachdem, wie es Dir heute geht, auch Gefühle hochkommen. Welche sind es bei Dir?

Ich wollte jedoch über eine ganz bestimmte Begegnung der beiden sprechen: Kritik und Hoffnung treffen sich auf dem Bahnhof der Dienste um die Reise in die Genesung fortzusetzen.

“Wir kamen zu CoDA, um…” – “das Leben zu leben, statt zu überleben. Weil wir einen Wunsch nach gesunden Beziehungen haben, weil wir die Ketten der Abhängigkeiten sprengen wollen.” Das Programm bietet uns einen Rahmen, unser Leben “neu” zu sehen. Im geschützten Rahmen fassen wir langsam ein Vertrauen, berichten über kleine Schritte, erleben gemeinsam Fortschritte… ich bin mir sicher, dass man hier noch viele Formulierungen findet.

Und – wir haben Zeit! Kein Rezept, kein Stundenkontingent, kein Bewilligungsbescheid oder eine Deadline sagen, bis wann wir irgendeinen Punkt unserer Genesung erreichen müssen. Es gibt keinen Test und keine Abschlussprüfung. Es gibt nicht mal eine Pflicht an…. irgendetwas. Alles ist freiwillig: zum Meeting zu kommen, in Schritten zu arbeiten, Sponsor zu haben oder zu sein, zu spenden, Kaffee zu kochen, pünktlich zu sein, Literatur zu lesen…. Du, ich, wir sind zu nichts verpflichtet.

Nichts.

Und doch war da noch was….
Was denkst Du gerade? Welche Gefühle kommen hoch?
Botschaften, wie “nichts ist umsonst!”? Schuldgefühle mit “oh, wie egoistisch!”, Befürchtung “gleich kommt ein ‘Aber‘!”, Gewissenskonflikt “ich kann nicht investieren, dann bleibe ich eben ganz weg!”

Lass Dir Zeit, nehme Dir die Zeit.

Das Programm funktioniert, es ist eine runde Sache. Früher oder später, kannst Du dein Verständnis der 7. Tradition in die Tat umsetzen und hast das Bedürfnis den 12. Schritt täglich zu leben. Früher oder später wirst Du sehen, dass die Versprechen sich erfüllen und du willst mehr davon wollen.
An der Stelle könntest Du nach Lücken in der Programmarbeit schauen, sich weitere Formen der Schrittearbeit überlegen oder die einfache Frage stellen “Was kann ich noch tun”?

Um genesen zu leben.

“Die da” oder “die alten Hasen” oder “die in CoDA Deutschland (wer ist das eigentlich?)” reden von Genesung durch Dienste. (Aha, wusste ich doch! die wollen mich doch zwingen Etwas zu tun!)
Sie wollen nicht zwingen. Sie wollen nur berichten, welche wunderbaren Veränderungen mit der Dienstearbeit eingetreten sind, mit und durch alle Verpflichtungen, Hürden oder Konflikte.
Sie wollen aber auch erzählen, wie viel Arbeit das ist, dass ein Neuling ins Meeting kommen kann und sich Zeit lassen kann. Sie wollen auch klagen, weil sie teilweise überlastet sind. Sie wollen aber auch die Hoffnung nicht verlieren, dass auch die Neuen zu Älteren werden und bald Dienste übernehmen. Sie wollen keine Vorwürfe machen, denn sie wissen, wie wichtig das eigene Tempo ist. Und doch, wenn sie den Schuss nicht gehört haben, kritisieren sie. Sie kritisieren die mangelnde Bereitschaft, an was auch immer: Schrittearbeit, Zeitinvestition, Traditionenverständnis, Engagement, Gemeinschaftsgefühl… bis hin zum: KONSUMENTEN!!

Da wären wir, aus der Hoffnung etwas zu erreichen ist Kritik geworden, aus Freunden werden Gegner.

Welch eine Überheblichkeit und Arroganz, welch eine Hilflosigkeit und Angst, welch eine Verbindlichkeit und Durchhaltevermögen.

Doch das Programm funktioniert.

Mitunter, weil man sich zunächst mit sich selbst beschäftigen kann/darf und sollte. Die Alten schaffen den Rahmen. Sie sind ja schon im 12. Schritt und wollen es auch nicht anders.
Mitunter, weil das Programm bei der Umstellung des Lebens unterstützt. Die Alten halten den Rahmen. Sie haben ihr Leben bereits umgestellt und das Programm ihnen ans Herz gewachsen ist.
Mitunter, weil im Laufe der Zeit immer klarer wurde, dass Co-Abhängigkeit ein tief verwurzeltes Ding ist und die Genesung durch eine dauerhafte Bindung an das Programm aufrecht erhalten werden kann.
Naja, dann kann ich auch Dienste übernehmen und den Rahmen für die Neuankömmlinge schaffen.

Wie lange möchtest Du ein Neuling sein? Such Dir was aus..

Fürs Erste, wäre der Gedanke ganz hilfreich “ich bin das Meeting” und das Gefühl der Zugehörigkeit. Denn so ist es, ab dem Augenblick, den Du dir aussuchst, bist Du das Programm.

Gute 24 Stunden
kommt wieder, es wirkt
Isabella