/ Juni 8, 2019/ Neues aus dem Meeting

“Coabhängigkeit ist doch, wenn man mit einem Alkoholiker zusammenlebt, oder? Damit habe ich nichts zu tun!” Dies ist die häufigste Antwort, die ich bekomme, wenn ich den Begriff CoDA ins Gespräch bringe.

Puuuhh… wenn´s denn so einfach wäre. Oft hört man auch begeisterte Sätze wie “Oh, davon kann ich nicht genug bekommen, da bin ich richtig süchtig danach!” Jaaa… wenn es denn wirklich so schön wäre… das “süchtig sein”…

Im gestrigen Meeting, welches sehr bewegend und sehr persönlich war, haben sich viele Suchtfacetten gezeigt. Süchte, die uns leiden lassen, die uns zuckersüß Erlösung versprechen und doch einen Dolch ins Herz rammen. Süchte, die das Selbstwertgefühl in den Keller einschließen, Schuld- und Scham stattdessen an die Familientafel einladen oder uns an einen Umstand oder Menschen ewiglich binden wollen.

“On-Off-Beziehung”, “das Feierabendbier”, “das beschäftigt mich, ich muss ständig daran denken” oder “das eine Stückchen Schokolade noch, das gönne ich mir” sind das schon nette Umschreibungen vom süchtigen Verhalten?

Ab wann? Wo ist die Grenze? Woran bin ich gewöhnt? Wonach bin ich süchtig?

Streitsüchtig. Depressionssüchtig. Grübelsüchtig. Sich-schlecht-machen-süchtig. Sich-verletzen-lassen-süchtig. Ohrfeigen-abholen-süchtig. Selbstverletzungssüchtig. Schmerzsüchtig. Schamsüchtig. Kritiksüchtig. Angstsüchtig. Schuldsüchtig. Sich-demütigen-lassen-süchtig.

Wuuuummms!
Ist “Helferitis”, gelegentlich auch “Retteritis” genannt, also ein chronisch, aber auch akut auftretendes, erhebendes, manchmal von Märthyrerismus oder von MutterTheresiasmus begleitet auftretendes Gefühl von Sozialverantwortung, Familienbande oder gar Liebe?
Oder vielleicht schon Pendant zu 24h-Tanke-mit-Schnaps: ein sicheres Abholen von Demütigung, Verletzung, Kritik, Ohrfeige und eine feine Art sich selbst aufzugeben?

Wir haben – alle auf unsere eigene Weise – die schmerzliche Erfahrung der Leere gemacht, in unserer Kindheit und in den Beziehungen unser ganzes Leben hindurch. Wir versuchten andere – unsere Partner, unsere Freunde und sogar unsere Kinder – als einzige Quelle unserer Identität, unseres Wertes und unseres Wohlbefindens zu benutzen, in dem Bemühen, die emotionalen Verluste unserer Kindheit in uns auszugleichen. Zu unserer Lebensgeschichte gehören möglicherweise auch andere starke Abhängigkeiten, die wir zeitweise benutzt haben, um mit unserer Co-Abhängigkeit fertig zu werden.

Ob uns die Eltern, die Partner, die Arbeit, das Wetter oder die Gesellschaft krank gemacht hat, oder wir selbst in uns Anteile tragen, die Antennen und Rezeptoren gleichzeitg für toxische Beziehungen sind – wir sind hier, um uns zu helfen. Um aus der Sucht herauszukommen.

Ganz gleich, wie schmerzlich Deine Vergangenheit oder wie verzweifelt Deine Gegenwart auch sein mag, es gibt Hoffnung auf einen neuen Tag im Programm von Co-Dependents Anonymous. Du brauchst Dich nicht länger auf andere als eine Macht größer als Du selbst zu verlassen. Mögest Du stattdessen hier eine neue Kraft in Dir selbst finden, so zu sein, wie Gott Dich wollte – wertvoll und frei.

Danke für dieses Meeting. Danke für die Offenheit. Danke für das Vertrauen.
Gute 24 Stunden
Isabella